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Schutzprojekt Europäische Sumpfschildkröte in Brandenburg

Während noch vor weniger als 200 Jahren Sumpfschildkröten in Wagenladungen auf Berliner Märkten verkauft wurden, gibt es heute nur noch weniger als 70 erwachsene Tiere in Deutschland – und dies in Brandenburg.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Rückgang der Sumpfschildkrötenbestände in den Seenlandschaften Nordostdeutschlands beklagt. Nachdem hier Anfang der 1990er Jahre die großen Truppenübungsplätze und Staatsjagden zugänglich wurden, stellte sich mit hoher Brisanz die Frage, ob in Deutschland überhaupt noch einheimische Sumpfschildkröten-Populationen (Emys orbicularis) existierten. Möglicherweise gingen die wenigen aktuelleren Beobachtungen auch nur auf Einzeltiere zurück, die dank ihrer besonderen Langlebigkeit das Aussterben der Population überlebt hatten. Nach der Brandenburger Roten Liste war die Art vom Aussterben bedroht. Ein 1993 von der damaligen Naturschutzstation Niederbarnim (heute Naturschutzstation Rhinluch im Landesumweltamt) initiiertes Projekt hatte zum Ziel, die Bestandssituation und Gefährdungsfaktoren im Bundesland Brandenburg zu erkunden. Unverzüglich sollten Maßnahmen zum Schutz möglicher Restbestände eingeleitet werden.

  • Überleben im Verborgenen
    Im Nordosten Deutschlands haben Sumpfschildkröten bis heute nur in den naturnahen und gewässerreichen Jungmoränen-Landschaften überdauert. Sie besiedeln hier abgelegene und kaum zugängliche Verlandungsmoore von Seen und Kleingewässern. Lichtdurchflutete Riedgesellschaften, Röhrichte und auch sonnenexponierte Randlagen der Erlenbrüche werden bevorzugt. Wichtig sind klimatisch günstige Gelegeplätze im Umfeld der besiedelten Gewässer. Die Mehrzahl der historisch bekannten Vorkommen ist längst erloschen. Im Rahmen des Schutzprojektes förderten mühevolle Freilandstudien fünf individuenarme Reliktpopulationen zu Tage. Es handelt sich hierbei bislang um einen Gesamtbestand von 60-65 alten bis sehr alten Tieren.
     
  • Alte und neue Gefahren
    Bereits im 19. Jahrhundert waren die Sumpfschildkrötenbestände erheblich durch Fischerei und Lebensraumverlust dezimiert. Als sich der gezielte Fang und Handel nicht mehr lohnte, wurden Sumpfschildkröten noch immer als vermeintliche Konkurrenten der Fischer verfolgt. Bis in jüngste Vergangenheit ertranken zahlreiche Tiere als Beifang in den Reusen. Der intensiven Land- und Forstwirtschaft, vor allem in den 1960er und 70er Jahren, fiel ein Großteil der zu jener Zeit noch vorhandenen Lebensräume zum Opfer. Gewässer wurden trockengelegt und Gelegeplätze aufgeforstet oder durch Ackerbau vernichtet. Schließlich dienten die letzten noch verbliebenen Brutplätze jagdlichen Zwecken, z.B. Kirrungen und Salzlecken. Eine Vielzahl der aquatischen Lebensräume (Moore, Erlenbrüche, Weiher) ist noch heute bedroht durch die großräumige Entwässerung der Landschaft.
    Auf ihrer Wanderung zum Gelegeplatz fielen in jüngerer Zeit mehrere Weibchen dem Straßenverkehr zum Opfer.
    Vom Menschen angesiedelte Arten wie Waschbär, Marderhund und Mink erweitern das Spektrum der Fressfeinde beträchtlich. Auch die gestiegenen Populationsdichten von Fuchs, Dachs und Schwarzwild sorgen für höhere Verluste.
    Neben dem illegalen Tierfang erweist sich auch die Aussetzung fremdländischer Sumpfschildkröten als nachteilig. Von Nordafrika bis zum Kaspischen Meer besiedeln ca. 15 Unterarten das Areal. Folgenschwer wäre zum Beispiel die Einschleppung von Krankheiten oder die Vermischung südländischer mit einheimischen E. orbicularis.
     
  • Das Schutzprojekt in Brandenburg
    Die Sumpfschildkröten-Lebensräume wurden in das europäische Schutzgebietssystem "Natura 2000" integriert. Wasserrückhalt und Landschaftspflege konnten die bereits fortschreitende Verlandung bedeutender Wohngewässer verhindern. Auf der Basis von Vertragsnaturschutz und Pflegemaßnahmen wurden die wichtigsten Gelegeplätze gesichert. In klimatisch günstigen Jahren reproduzieren die Populationen heute wieder erfolgreich im Freiland. Gefährdete Gelege - z.B. auf Ackerflächen - werden geborgen und künstlich in einer Aufzuchtstation der Naturschutzstation Rhinluch erbrütet. Im 2. oder 3. Lebensjahr werden jeweils rund 20 Jungtiere in die Ursprungsgebiete zurückgeführt (bis 2010: ca. 300 Individuen). Die Bestandsstützung und das Management der Brutplätze bewirken allmählich eine Verjüngung der Populationen. Zukünftig wird sich das Sumpfschildkrötenprojekt vor allem der Suche nach weiteren Reliktpopulationen als auch der Wiederansiedlung von Sumpfschildkröten in geeigneten historisch bekannten Vorkommensgebieten widmen. Die Ergebnisse des Schutzprojektes Sumpfschildkröte stimmen hoffnungsvoll, was den Fortbestand dieser archaisch anmutenden Reptilienart in Deutschland betrifft. Ohne die finanzielle Unterstützung der Heinz Sielmann Stiftung, der Klara Samariter Stiftung, der Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg und der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen. Besonderen Anteil an dem bis zum Jahr 2009 durch die EU geförderten Life Projekt haben die ehrenamtlichen Akteure, insbesondere die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Artenschutz e.V. und der NABU Landesverband Brandenburg.
     
  • Das Schutzprojekt in Mecklenburg-Vorpommern
    In enger Kooperation mit den Kollegen aus Brandenburg (Landesumweltamt) engagieren sich Naturschützer aus Mecklenburg-Vorpommern (STAUN und NABU) seit Jahren für den Schutz der Europäischen Sumpfschildkröte. In jüngeren Untersuchungen zeigte sich, dass die Art im Bereich der nördlichen Arealgrenze nahezu ausgestorben ist.
    Mit Hilfe einer Wiederansiedlung soll nunmehr versucht werden die Art in einem der historischen Vorkommensgebiete im Südosten des Landes Mecklenburg Vorpommern wieder anzusiedeln. Zu diesem Zweck werden aus Nachzuchten des Brandenburger Sumpfschildkrötenprojektes am 23.08.2008 die ersten 20 Jungschildkröten in die freie Natur entlassen.
    Im Ansiedlungsgebiet wurden in den letzten Jahren Gewässerlebensräume und Gelegeplätze in einem großflächigen Verbund renaturiert und unter Schutz gestellt.
Letzte Aktualisierung: 27.07.2016

Übersicht


Kontakt:

Landesamt für Umwelt
Abteilung Naturschutz
Referat N3
Grundlagen Natura 2000, Arten- u. Biotopschutz
Naturschutzstation Rhinluch
Norbert Schneeweiss
Tel.: 033922/ 90255
E-Mail an: Norbert Schneeweiss