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Schutzprojekt Europäische Sumpfschildkröte in Brandenburg

Sumpfschildkröte (Männchen) (Foto: Hartmut Richter, Landesamt für Umwelt)Sumpfschildkröte (Männchen) (Foto: Hartmut Richter, Landesamt für Umwelt)

Emys orbicularis

Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), die einzige Schildkrötenart Mitteleuropas, ist eine der am meisten gefährdeten Wirbeltierarten Deutschlands. Die Zerstörung ihrer Lebensräume sowie Fang und Handel minderten schon in vergangenen Jahrhunderten den Bestand der Sumpfschildkröten erheblich. Zusätzlich sind die Bestände durch Vermischung mit ausgesetzten, importierten Sumpfschildkröten stark gefährdet. Während noch vor weniger als 200 Jahren Sumpfschildkröten in Wagenladungen auf Berliner Märkten verkauft wurden, gibt es heute nur noch weniger als 70 erwachsene Tiere in Deutschland – und dies in Brandenburg.

Die Sumpfschildkröte erreicht im norddeutschen Tiefland ihre nordwestliche Verbreitungsgrenze. Ursprünglich war die Art in Brandenburg weit verbreitet. So sollen von hier Händler ganze Pferdefuhrwerke voller Schildkröten als willkommene Fastenspeise nach Böhmen und Schlesien geschickt haben.

Lebensweise

Sumpfschildkröten sind wechselwarme Tiere und sehr wärmeliebend. Trotz ihrer Vorliebe für Sonnenbäder gehören sie zu den scheuesten und heimlichsten Bewohnern der Gewässer. Bei geringster Störung tauchen sie blitzschnell unter die Wasseroberfläche. Neben ruhigen Buchten in Seen und Altwässern größerer Ströme dienen auch kleine Gewässer wie Weiher, Sölle, Teiche und Gräben mit reich strukturierten sonnigen Ufern als Lebensraum. Bei Austrocknung der Gewässer oder auf der Suche nach geeigneten Eiablageplätzen unternehmen Sumpfschildkröten Landwanderungen von mehreren Kilometern.

Im späten Frühjahr werden 6 bis 20 Eier bis zu 12 Zentimeter tief im Erdreich an sonnenexponierten Standorten vergraben. In der Regel überwintern die Jungtiere nach dem Schlupf in der Gelegehöhle. Bei ungünstiger Witterung, zum Beispiel in nasskalten Sommern, erleiden die Gelege empfindliche Verluste. Entscheidende Voraussetzung für die Eiablage und eine erfolgreiche Vermehrung sind sonnenexponierte Trockenrasen im Umfeld der Wohngewässer. Mangels geeigneter Standorte nutzen die Sumpfschildkröten auch Ackerflächen zur Eiablage. Der Umbruch dieser Flächen bedeutet für den Nachwuchs das sichere Ende.

Sumpfschildkröten überwintern in ihren Wohngewässern. Ihre Hauptnahrung besteht aus Muscheln, Schnecken, Wasserinsekten und Krebstieren. Gelegentlich verspeisen sie auch kranke oder tote Fische und Amphibien. Weibliche Tiere erreichen eine Größe bis zu 20 Zentimeter (Rückenpanzer). Die männlichen Tiere sind etwas kleiner. Sumpfschildkröten können bis zu 100 Jahre alt werden.

Gefährdung

In Deutschland ist sie akut vom Aussterben bedroht. Im seenreichen Brandenburg sind wenige individuenarme Restpopulationen in der Uckermark nachgewiesen. Demzufolge kommt dem Schutz der Sumpfschildkröte in Brandenburg eine ganz besondere Bedeutung zu.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Rückgang der Sumpfschildkrötenbestände in den Seenlandschaften Nordostdeutschlands beklagt. Hauptursache der Bestandsminderung ist die Zerstörung ihrer Lebensräume.

Im 19. Jahrhundert waren die Sumpfschildkrötenbestände erheblich durch Fischerei und Lebensraumverlust (Trockenlegung von Wasserläufen und Sümpfen) dezimiert. Als sich der gezielte Fang und Handel nicht mehr lohnte, wurden Sumpfschildkröten noch immer als vermeintliche Konkurrenten der Fischer verfolgt. Bis in jüngste Vergangenheit ertranken zahlreiche Tiere als Beifang in den Reusen.

Der intensiven Land- und Forstwirtschaft, vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren, fielen weitere noch vorhandenen Lebensräume zum Opfer. Gewässer wurden trockengelegt und Gelegeplätze aufgeforstet oder durch Ackerbau vernichtet. Schließlich dienten die letzten noch verbliebenen Brutplätze jagdlichen Zwecken, zum Beispiel Kirrungen und Salzlecken. Eine Vielzahl der aquatischen Lebensräume (Moore, Erlenbrüche, Weiher) ist noch heute bedroht durch die großräumige Entwässerung der Landschaft.

Trotz ihrer Seltenheit fallen auch heute noch Sumpfschildkröten der Fischerei zum Opfer. Als Beifang ertrinken sie in Fischreusen, die an den Rändern der Ufer aufgestellt sind. Auf ihrer Wanderung zum Gelegeplatz fielen in jüngerer Zeit mehrere Weibchen dem Straßenverkehr zum Opfer.

Vom Menschen angesiedelte Arten wie Waschbär, Marderhund und Mink erweitern das Spektrum der Fressfeinde beträchtlich. Waschbären haben gelernt, Schildkrötenpanzer zu knacken, die Eiablageplätze aufzuspüren und die Gelege zu erbeuten. Auch die gestiegenen Populationsdichten von Fuchs, Dachs und Schwarzwild sorgen für höhere Verluste.

Nachdem Anfang der 1990er Jahre die großen Truppenübungsplätze und Staatsjagden zugänglich wurden, stellte sich mit hoher Brisanz die Frage, ob in Deutschland überhaupt noch einheimische Sumpfschildkröten-Populationen (Emys orbicularis) existierten. Möglicherweise gingen die wenigen aktuelleren Beobachtungen auch nur auf Einzeltiere zurück, die dank ihrer besonderen Langlebigkeit das Aussterben der Population überlebt hatten.

Neben dem illegalen Tierfang erweist sich die Aussetzung fremdländischer Sumpfschildkröten als nachteilig. Von Nordafrika bis zum Kaspischen Meer sind zirka 15 Unterarten bekannt. Eine zusätzliche Bedrohung geht deshalb von importieren Sumpfschildkröten aus, da sich ausgesetzte Tiere der etwas kleineren mediterranen Unterart mit den wenigen Restbeständen der heimischen Sumpfschildkröte vermischen.

Letzte Refugien

Im Nordosten Deutschlands haben Sumpfschildkröten bis heute nur in den naturnahen und gewässerreichen Jungmoränen-Landschaften überdauert. Sie besiedeln hier abgelegene und kaum zugängliche Verlandungsmoore von Seen und Kleingewässern. Lichtdurchflutete Riedgesellschaften, Röhrichte und auch sonnenexponierte Randlagen der Erlenbrüche werden bevorzugt. Wichtig sind klimatisch günstige Gelegeplätze im Umfeld der besiedelten Gewässer. Die Mehrzahl der historisch bekannten Vorkommen ist längst erloschen. Im Rahmen des Schutzprojektes förderten mühevolle Freilandstudien fünf individuenarme Reliktpopulationen zu Tage. Es handelt sich hierbei bislang um einen Gesamtbestand von 60 bis 65 alten bis sehr alten Tieren.

Schutzprojekt in Brandenburg

Nach der Brandenburger Roten Liste ist die Art vom Aussterben bedroht. Ein 1993 von der Naturschutzstation Niederbarnim (heute Naturschutzstation Rhinluch im Landesamt für Umwelt) initiiertes Projekt hatte zunächst zum Ziel, die Bestandssituation und Gefährdungsfaktoren in Brandenburg zu erkunden. Unverzüglich sollten Maßnahmen zum Schutz möglicher Restbestände eingeleitet werden. Ohne die finanzielle Unterstützung der Heinz Sielmann Stiftung, der Klara Samariter Stiftung, der landeseigenen Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg und der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen. Besonderen Anteil an dem bis zum Jahr 2009 durch EU-LIFE geförderten Projekt haben auch ehrenamtliche Akteure, insbesondere die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Artenschutz e.V. und der NABU Landesverband Brandenburg.

Die Sumpfschildkröten-Lebensräume wurden durch das Land inzwischen in das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000 integriert. Wasserrückhalt und Landschaftspflege konnten die bereits fortschreitende Verlandung bedeutender Wohngewässer verhindern. Auf der Basis von Vertragsnaturschutz und Pflegemaßnahmen wurden die wichtigsten Gelegeplätze gesichert.

In klimatisch günstigen Jahren reproduzieren die Populationen heute wieder erfolgreich im Freiland. Gefährdete Gelege – zum Beispiel auf Ackerflächen - werden geborgen und in einer Aufzuchtstation der Naturschutzstation Rhinluch erbrütet. Im zweiten oder dritten Lebensjahr werden jeweils rund 20 Jungtiere in die Ursprungsgebiete zurückgeführt (bis 2010 zirka 300 Tiere).

Die Bestandsstützung und das Management der Brutplätze bewirken allmählich eine Verjüngung der Populationen. Zukünftig wird sich das Sumpfschildkrötenprojekt vor allem der Suche nach weiteren Reliktpopulationen als auch der Wiederansiedlung von Sumpfschildkröten in geeigneten historisch bekannten Vorkommensgebieten widmen.

Schutz- und Pflegemaßnahmen

Von der Naturschutzstation Rhinluch des Landesumweltamtes Brandenburg wurde ein Artenschutzprojekt zur Untersuchung und Sicherung der Sumpfschildkröte und ihrer Lebensräume erarbeitet. Neben der Erfassung der aktuellen Bestände wurde auch ein Katalog konkreter Schutzmaßnahmen zusammengestellt:

  • Rückbau von Entwässerungsanlagen in Einzugsgebieten von Sumpfschildkrötenpopulation zum Beispiel durch Anstau von Entwässerungs- und Meliorationsgräben
  • Erhalt von störungsarmen Gewässern mit ausreichendem Angebot an Sonnenplätzen
  • Ausweisung von Ruhezonen mit Angel- und Betretungsverbot an Schildkrötengewässern
  • Einsatz von Reusentypen mit Schildkrötenausstieg beziehungsweise Verzicht auf Reusen
  • Erhalt und Schaffung potentieller Eiablageplätze (sonnenexponierte extensiv genutzte Trockenstandorte)
  • strenger Schutz der Gelegeplätze, zm Beispiel über Vertragsnaturschutz, Dauerstillegung von Ackerrandstreifen
  • keine Auswilderung importierter Sumpfschildkröten oder deren Nachkommen
  • Bestandsstützung durch künstliche Brut gefährdeter Gelege mit anschließender Auswilderung der Jungtiere

Schutzprojekt in Mecklenburg-Vorpommern

In enger Kooperation mit dem Landesamt für Umwelt Brandenburg engagieren sich Naturschützer aus Mecklenburg-Vorpommern (STÄLU und NABU) seit Jahren für den Schutz der Europäischen Sumpfschildkröte. In jüngeren Untersuchungen zeigte sich, dass die Art im Bereich der nördlichen Arealgrenze nahezu ausgestorben ist.

Mit Hilfe einer Wiederansiedlung soll nunmehr versucht werden die Art in einem der historischen Verbreitungsgebiete im Südosten des Landes Mecklenburg-Vorpommern wieder anzusiedeln. Zu diesem Zweck wurden aus Nachzuchten des Brandenburger Sumpfschildkrötenprojektes am 23. August 2008 die ersten 20 Jungschildkröten in die freie Natur entlassen.

Im Ansiedlungsgebiet wurden in den letzten Jahren Gewässerlebensräume und Gelegeplätze in einem großflächigen Verbund renaturiert und unter Schutz gestellt.

 

Die Naturschutzstation Rhinluch in Linum bittet um Mitteilung von Beobachtungen sowie Lebend- oder Totfunden.

Weitere Informationen:

Letzte Aktualisierung: 17.08.2017

Übersicht


Weitere Informationen


Kontakt:

Landesamt für Umwelt
Abteilung Naturschutz
Referat N3
Grundlagen Natura 2000, Arten- u. Biotopschutz
Naturschutzstation Rhinluch
Norbert Schneeweiss
Tel.: 033922/ 90255
E-Mail an: Norbert Schneeweiss